Engagement

Während meiner gesamten Schulzeit gab ich und nahm teil an Konzerten im öffentlichen Raum, vokal wie instrumental, als Solist, als Ensemble-Mitglied, als Unterstützung eines bestehenden Ensembles. Die Auftritte fanden meist im Rahmen der evangelischen oder katholischen Kirche statt, der Kantorei, zur Weihnachtszeit im Altersheim und bei Aufführungen im städtischen Kontext. Dies schloss sich fließend an dem vom musischen Gymnasialzweig her geforderten musikalischen Engagement innerhalb der Schule.

In Berlin arbeitete ich ein knappes Jahr als Erzieher in einem Integrationsschülerladen mit anschließender Einladung zur Übernahme, was ich bei der Freude im Umgang mit Menschen tatsächlich kurzzeitig erwogen hatte. Während des Studiums war ich Mitglied im Studenten-Komitee und übernahm Aufgaben in der Selbstverwaltung. Während des Stipendiums bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft organisierte ich mit vielen Engagierten Seminare. Momentan organisiere ich Kinovorstellungen für Schulklassen mit „Auf Augenhöhe“ und begleite als Moderator die Diskussionen über Menschen in unserer Gesellschaft, die „anders“ sind, über Toleranz und über Mobbing. Ich denke, der Kinosaal ist aufgrund seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt ideal, um Schüler*innen auf ein Thema zu fokussieren. Und wenn sie erfahren, dass vor ihnen jemand aus dem Film-Team steht, motiviert es den ein oder anderen vielleicht mehr, sich in die Diskussion um das Thema einzulassen. (s. Beitrag im Blog „Neues“, Dezember 2016) Im selben Monat beschäftigte ich mich ehrenamtlich eine Woche als Koch für eine Seminargruppe in Österreich, zusammen mit einem guten Freund waren wir für Planung, Einkauf und Ablauf im Rahmen des Kursprogramms verantwortlich. Die mittig im Raum platzierte Arbeitsplatte in der äußerst geschmackvoll eingerichteten, geholzten Groß-Küche wurde von frühs bis spät zu unserem neuen Domizil.

Engagiert habe ich mich in jeder WG, in der ich gelebt habe, zumindest das WG-Konto aus dem Bereich der Großbanken zu nehmen und es an ethische oder grüne Banken zu übertragen. Bei vielen Projekten habe ich mit Naturstrom bearbeitet und versuche dies auch in Zukunft zu tun. Mein eigenes Kapital gebe ich nach bestem Ermessen an von mir geprüften Firmen, Bücher so oft es geht beim lokalen Buchhändler, Lebensmittel nicht beim Billig-Laden und nur bei Marken, die sich durch ihr Engagement hervortuen (wie z.B. Aldi Süd mit seinen klimaneutralen Filialen ab 2017). Ein eigenes Auto hatte ich noch nie, wenn ich eines brauche, greife ich auf Freunde, Familie, Nachbarschaftsauto zurück – oder fahre Bahn, Bus oder nutze die Mitfahrgelegenheiten. Und wo angeboten, klicke ich das Häkchen an bei der 1-2 Euro CO2-Ausgleichspende.

Das Gros meiner von mir genutzten Gegenstände repariere ich selbst, notfalls arbeite ich mich über Anleitungen aus dem Internet ein. Mein antikes Nokia-Klapp-Telefon habe ich nach dem Bildschirm-Reparierungsversuch reaktiviert. Wegschmeißen kenne ich nicht, da ich kaum konsumieren muss, weder für mein Ego, noch für ein psychologisches inneres Loch/ für Zwänge. Schlecht für die Wirtschaft, gut für die Welt. Ich bin kein Engel oder Gutbürger, eher ein eigennütziger zukünftiger „irgendwann mal -“ Familienvater. Was ich kann, tue ich, um meinen Kindern für ihr gesamtes Leben ein ähnlich wunderschönes Naturerlebnis bieten zu können, wie ich es selbst erleben darf.

Ich unterstütze das bedingungslose Grundeinkommen, da ich mir sicher bin, es ist im 21. Jahrhundert zeitgemäß, sich erst um seine Belange zu kümmern und dann um seinen Job. Wie viele Ärzte, Juristen und Lehrer braucht es noch, die statt aus eigener Überzeugung und Leidenschaft aus Angst vor Zukunftsperspektiven, festen Unterhalt und möglichst großen Lebenswandel ihren Beruf wählen. (Die Aufzählung habe ich intuitiv gemacht, aus Beobachtungen, was aus Leuten meiner Schule, meines Studiums, aus den vielen Diskussionen um Arbeit, Aufstieg/Abstieg, Lebensinhalt geworden ist.). Bevor Banken mit Steuergeld gerettet werden, hätten Millionen Menschen die Chance verdient, in ihrem eigenen Tempo herauszufinden, was wirklich ihre Bestimmung ist. Es liest sich plakativ, doch beeindruckt mich ein zufriedener Putzmann mehr, schürt mehr Bewunderung und Sympathie in mir, als ein SUV fahrender Manager, der Beratungsfirmen engagiert, um eine ständig wachsende Rendite aus einem Unternehmen zu drücken.

Bei meinen vielen Auslandsreisen habe ich erlebt und erkannt, was für Schaden Kleinstaaterei auslöst, was für ein unglaubliches Glück ich habe, in einer reichen und freien Gesellschaft hineingeboren zu sein. Ich bin überzeugter Europäer und in Anbetracht der vielen ethnischen Gene, die in jedem von uns schlummern, ist Multi-Kulti kompliziert und anstrengend, aber bereits lange in den Alltag übergegangen. Wer darüber noch diskutieren muss, vergisst, dass seine Wurzeln selbst nicht an dem Ort liegen dürften, den er für sich proklamiert.

Heute freue ich mich immer öfter, Menschen in kurzen Begegnungen auf ihren Wunsch davon zu erzählen, was meine Vision ist (so hat es zum ersten Mal in Hamburg eine Grazerin bezeichnet), oder Tipps zu geben, woher ich meine Information nehme (zum Zweck einer möglichst selbständigen und unabhängigen eigenen Einschätzung). Ich teile ihnen immer mit, dass dies alles meine eigene Sicht der Dinge ist, da ich nicht an richtig/falsch glaube, sondern dass Fehler zum Mensch-sein, zum Wachsen und Dazulernen gehören, warne ich sie auch, dass ich mit meinen Einschätzungen daneben liegen kann. Ich will nicht recht behalten, ich möchte eine Position beziehen und mein Gegenüber auffordern, es für sich selbst zu tun. In dieser Hinsicht ist auch meine musikalische und filmische Arbeit politisch beeinflusst, statt über die letzte Party zu texten (was mir natürlich Spaß macht) liegt mir viel daran, viel Wut und Ärger über ungerechte Zustände auszudrücken, sei es in Text und Musik oder meine Mitarbeit an Filmen.